Wettbewerbsfähigkeit der Region sichern
Präsident Prof. Dr. Karl Stoffel im Interview
Prof. Dr. Karl Stoffel ist Präsident der Hochschule Koblenz. Zuvor war er neun Jahre lang Präsident der Hochschule Landshut. Seine akademische Ausbildung absolvierte er an der WHU in Vallendar – eine Rückkehr zu seinen Wurzeln ...
schauRhein: Sie kennen die Region Koblenz-Mittelrhein bereits durch Ihr Studium an der WHU in Vallendar. Und kehren nun quasi zu Ihren Ursprüngen zurück. Welchen Eindruck haben Sie von der Entwicklung der Region als Hochschulstandort?
Karl Stoffel: Mein Vater stammt aus dem Hunsrück, sodass ich die Region bereits aus meiner Kindheit kenne. Sie und die Stadt Koblenz haben sich erheblich weiterentwickelt, das begeistert mich.
schauRhein: Was hat Sie gereizt, wieder nach Koblenz zurückzukehren?
Karl Stoffel: Ich war fast neun Jahre Präsident in Landshut und wollte noch einmal etwas Neues beginnen. Eine Überlegung war, ein Auslandssemester in Cambridge zu verbringen, was leider wegen Corona nicht möglich war. Dann habe ich mich an verschiedenen Hochschulen auf Präsidentenausschreibungen beworben. Die in Koblenz war natürlich besonders spannend, weil ich die Stadt von früher kannte und ich eine große Affinität zu der Region habe.
schauRhein: Die Universität Koblenz wird im kommenden Jahr eigenständig. Was bedeutet dieser Schritt für Ihre Hochschule?
Karl Stoffel: Wir kooperieren ja schon lange mit der Universität in Koblenz und organisieren gemeinsam verschiedene Projekte. Unter anderem arbeiten wir an unserem Standort in Höhr-Grenzhausen im Bereich der Keramik sowie im Bereich Gewässerkunde und Wasserwirtschaft zusammen. Auch im Bereich der Datenverarbeitung kooperieren wir schon ganz lange mit der Uni und werden dies auch fortsetzen. Das sind alles sehr interessante Themen.
Ich finde es persönlich sehr spannend, eine starke Universität an der Seite zu haben, weil wir ganz unterschiedliche Ausrichtungen haben. Wir sind auf der einen Seite Kooperationspartner, auf der anderen Seite als Hochschule für angewandte Wissenschaften aber sehr viel anwendungsorientierter unterwegs. Wir suchen den engen Kontakt zu Unternehmen, Einrichtungen und Kommunen. Da kommen wir uns auf keinen Fall in die Quere, sondern sind komplementär aufgestellt.
schauRhein: Gibt es auch eine Zusammenarbeit in Bezug auf Promotionen?
Karl Stoffel: Wir sind beim Thema Promotionen auf zwei Ebenen unterwegs: Einerseits bieten wir zusammen mit der Universität kooperative Promotionen an, insbesondere in den Naturwissenschaften und der Informatik. Gleichzeitig streben wir rheinland-pfälzische Hochschulen für angewandte Wissenschaften ein eigenes Promotionsrecht an. Nicht jede Hochschule einzeln, aber in Themenclustern, in denen sich forschungsstarke Professorinnen und Professoren aus den verschiedenen Hoch- schulen in Rheinland-Pfalz zusammentun und in diesen Themenclustern auch ein Promotionsrecht ausüben.
schauRhein: In welchem Zeitraum könnten diese Pläne umgesetzt werden? Karl Stoffel: Aus Sicht des Hochschulpräsidenten natürlich möglichst schnell ... Da müssen wir aber realistisch sein. Wir sind gerade dabei, mögliche Organisationsformen zu prüfen. Andere Bundesländer wie Nordrhein- Westfalen und Hessen beispielsweise sind da schon ein bisschen weiter, und deren Evaluation fließt natürlich auch in unser Model ein. Ich hoffe aber schon, dass wir im Laufe des nächsten Jahres weiterkommen.
schauRhein: Sie waren fast neun Jahre Präsident in Landshut. Was nehmen Sie aus dieser Zeit inhaltlich mit nach Koblenz?
Karl Stoffel: Ein Thema ist die Interdisziplinarität, die Zusammenarbeit über Fachbereichsgrenzen hinweg. Ein hervorragendes Beispiel ist der Studiengang „Integrierte Orts- und Sozialraumentwicklung“ der Fachbereiche „bauen-kunst-werkstoffe“ und Sozialwissenschaften. Im Bereich Wirtschaftsingenieurwesen haben wir mittlerweile fünf Fachbereiche, früher waren es drei, die Wirtschaftswissenschaften, die Ingenieurwissenschaften sowie „bauen-kunst-werkstoffe“. Hinzugekommen sind die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie Mathematik und Technik. Hier werden momentan neue, spannende Studienangebote ausgearbeitet.
schauRhein: Die Hochschule verfügt über mehrere Standorte, was bedeutet das für die Arbeit der Hochschulleitung?
Karl Stoffel: Auf der einen Seite macht es die Arbeit natürlich etwas schwieriger, mehrere Standorte zu betreuen. Das führt dazu, dass ich mindestens einmal in der Woche in Remagen verbringe, in Höhr-Grenzhausen dafür etwas weniger, weil der Standort relativ klein ist. Auf der anderen Seite bietet diese Tatsache aber auch große Chancen, da wir mit Remagen wesentlich stärker in die Region Köln-Bonn hineinwirken und damit ein interessantes Studierendenpotenzial erreichen können.
schauRhein: Welche Entwicklungs-Ideen haben Sie noch für die Hochschule? Karl Stoffel: Wir müssen auf jeden Fall das Thema Digitalisierung weiter befeuern – zum einen, indem wir eigene Studiengänge zu den Themenkomplexen anbieten, zum anderen aber auch dadurch, dass das Thema in bestehende Studiengänge hineinwirkt. Auch das Thema Nachhaltigkeit wird größere Bedeutung gewinnen – aus technischer Sicht wie auch in der Management-Perspektive, beispielsweise bei den Betriebswirten.
Bei unseren eigenen Gebäuden sind wir gemeinsam mit dem Landesbetrieb Bau dabei, die Hochschuldächer mit Photovoltaik-Anlagen auszustatten und ein Blockheizkraftwerk zu bauen – da hinken wir in der aktuellen Situation sogar schon ein bisschen hinterher. Außerdem sind die Unternehmen in unserer Region weltweit unterwegs. Deshalb gehört für mich auch mehr Internationalität hinzu. Wir müssen junge Menschen darauf vorbereiten, in die Welt hinaus zu gehen. Wir haben bereits einige Module, die wir englischsprachig anbieten. Darauf werden wir aufbauen. Ich möchte dahin kommen, dass in jedem Fachbereich jeweils ein Studiensemester in englischer Sprache absolviert werden kann.
schauRhein: Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit mit den Unternehmen in der Region?
Karl Stoffel: Wir haben sehr gute Kontakte zu den Unternehmen in der Region, die allerdings sehr häufig bei einzelnen Professorinnen und Professoren liegen. Um diese Zusammenarbeit besser zu bündeln und weiter auszubauen, haben wir ein eigenes Vize-Präsidentenamt für Transfer und regionale Entwicklung geschaffen. Außerdem werden wir mehr Veranstaltungen für Unternehmen bieten und damit einen besseren Austausch ermöglichen. Wir haben im letzten Jahr zum Beispiel das Projekt „Kompetenzzentrum DigiMit2“ gestartet, in dem wir beim Thema Digitalisierung niederschwellig auf die kleinen und mittleren Unternehmen in der gesamten Großregion zugehen. Solche Projekte schweben mir auch in anderen Bereichen vor.
schauRhein: Viele Hochschulen haben durch Corona und die mangelnde persönliche Präsenz Probleme, ihre Studierendenzahlen stabil zu halten. Wie ist die Lage in Koblenz?
Karl Stoffel: Auch wir spüren den demografischen Wandel und haben in den letzten zwei Semestern Rückgänge zu verzeichnen. Wir liegen aktuell bei rund 9.000 Studierenden. Das heißt für uns, dass wir attraktive Studiengänge anbieten und die Ansprache von Studieninteressierten noch einmal deutlich verstärken müssen. Spannende Studienangebote haben wir, die laufen auch sehr gut. Allerdings müssen wir unbedingt wieder mehr Studierende für die technischen Bereiche wie die Ingenieurwissenschaften gewinnen – ein Mangel an Studierenden in diesem Bereich ist leider ein bundesweiter Trend. Das technische Know-how ist eine wichtige Basis für die regionale Industrie und regionale Unternehmen, aber auch für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands insgesamt.
schauRhein: Wie wollen Sie Interesse für die Fächer wecken?
Karl Stoffel: Wichtig ist, Schülerinnen und Schüler noch stärker anzusprechen. Wir sind bereits stark über das Ada Lovelace-Projekt engagiert, um vor allem Schülerinnen für technische Fächer zu begeistern. In diesem Rahmen finden sehr viele Veranstaltungen statt und Studentinnen führen als Mentorinnen Schülerinnen an das Thema MINT-Berufe heran. Auch im Rahmen von MINT-Messen und Ferienangeboten zeigen unsere Ingenieurwissenschaften, was sie zu bieten haben und können. Aber diese Formate haben natürlich unter Corona gelitten, denn gerade im MINT-Bereich ist es wichtig, etwas zum Erleben und Anfassen zu haben. Wir freuen uns, dass nun wieder mehr in Präsenz stattfinden kann.
schauRhein: Dieses demografische Problem hat auch die Wirtschaft, insbesondere die Duale Ausbildung. Hinzu kommt die Tendenz, dass Schülerinnen und Schüler einen immer höheren Abschluss anstreben. Wie lässt sich dies in Zusammenarbeit mit den Unternehmen gestalten?
Karl Stoffel: Ich kenne diese Diskussion seit fast 15 Jahren. Ich denke, dass gerade Hoch- schulen und Verbände wie IHK und HwK bei dem Thema Bildung und Ausbildung zusammenarbeiten müssen. Wir entscheiden nicht darüber, ob sich junge Menschen für ein Studium oder eine Lehre entscheiden. Das ist eine Diskussion im Familienumfeld und im Freundeskreis. Insofern müssen wir die jungen Menschen dabei unterstützen, die bestmögliche Entscheidung zu treffen. Das kann für den einen die Ausbildung sein, für die andere ein Studium. Ein Duales Studium ist natürlich eine tolle Möglichkeit der Kombination. Ich bin ein sehr großer Freund davon. Allerdings ist es sehr fordernd. Ich selbst habe mit einer Ausbildung gestartet und dann ein Studium angeschlossen. Ein Duales Studium ist eine hervorragende Möglichkeit für Unternehmen, junge Menschen an sich zu binden. T.S.

