Entscheidungen in Koblenz für Koblenz
Seit Anfang 2023 ist die Universität Koblenz eigenständig
Professor Dr. Stefan Wehner ist Präsident der Universität Koblenz und war schon eng eingebunden in den Autonomisierungsprozess. SchauR(h)ein hat mit ihm über die Vorteile und Hoffnungen gesprochen.
schauRhein: Die Universität Koblenz ist seit Beginn des Jahres offiziell eigen ständig, ein Ziel, das Sie bereits seit langer Zeit verfolgen. Was dachten Sie, als klar wurde, dass dieses Ziel in greifbare Nähe rückte?
Stefan Wehner: Wir haben uns in Koblenz schon sehr lange gewünscht, selbständig zu werden. Schon zu Beginn der 2000er gab es Versuche, eine Trennung herbei zu führen, die aber nicht von Erfolg gekrönt waren. Insofern war das natürlich eine großartige Neuigkeit für den Campus in Koblenz. Auch ich habe mich sehr gefreut. Gleichzeitig war die Situation für mich persönlich aber auch etwas kompliziert: Die Entscheidung des Landes zur Eigenständigkeit wurde am 12. Februar 2019 bekannt gegeben und ich wurde am 19. Februar zum Vize-Präsidenten für die Gesamtuni gewählt. Als Vize-Präsident musste ich auch die Gesamtuni vertreten und mich gleichzeitig um die Trennung kümmern.
schauRhein: Was waren die größten Hürden bei der praktischen Trennung der zwei Universitätsteile. Eigentlich waren es ja sogar drei, denn die Verwaltung saß in Mainz ...?
Stefan Wehner: Die größte Hürde in dem Prozess war es, die Trennung der Ressourcen hinzubekommen. Dadurch dass Details erst mit dem Doppelhaushalt 2023/24 des Landes abschließend geklärt wurden, blieb Vieles lange ungewiss. Und Unsicherheiten erschweren Trennungsprozesse immer. Doch die Versprechungen hat das Land schließlich zu 100 Prozent erfüllt ...
schauRhein: Arbeiten Sie nach wie vor mit Landau zusammen?
Stefan Wehner: Ja, die Trennung der Verwaltung ist noch nicht komplett abgeschlossen – formal schon, aber viele Themen haben ja einen gewissen Nachlauf, zum Beispiel der Jahresabschluss. Der wird derzeit für beide ehemaligen Standorte noch von Landauer MitarbeiterInnen erledigt, weil die entsprechenden Ressourcen bei uns in Koblenz erst für 2023 aufgebaut werden können. Dann gibt es noch zahlreiche Bund-Länder-Programme, wie zum Beispiel MoSAiK, das große Lehrkräftebildungsprogramm, bei dem wir noch zusammenarbeiten. Inhaltlich gibt es auf Ebene der ProfessorInnen auch noch eine Reihe von Kooperationen, wie es mit anderen Professuren an anderen Unis auch der Fall ist.
schauRhein: Welche Vorteile haben Sie sich von der Eigenständigkeit versprochen – und wie werden diese sich realisieren?
Stefan Wehner: Versprochen haben wir uns von der Eigenständigkeit, dass wir unsere eigenen „Herren“ sind, dass wir also in Koblenz für Koblenz die Entscheidungen, beispielsweise zur konkreten Gestaltung und Weiterentwicklung unserer neuen Universität, treffen können. Das hat sich zu 100 Prozent erfüllt. In der Übergangsphase hatten wir in den vergangenen beiden Jahren über einen Senatsausschuss schon die Möglichkeit, unsere Grundordnung vorzubereiten, eigene KandidatInnen zu wählen und unsere eigenen Strukturen aufzubauen. Das ist jetzt alles erledigt und wir können über unser Profil, unsere Studiengänge und unsere Forschung selbst entscheiden.
schauRhein: Eine Uni strahlt ja auch immer auf ihren Standort aus. Welche Effekte hat eine eigenständige Uni für die Region?
Stefan Wehner: Eine eigenständige Universität hilft der Region alleine schon dadurch, dass sie existiert. Man weiß aus der Forschung, dass Hochschulstandorte vom demografischen Wandel schwächer betroffen sind als andere Standorte. Wobei nicht nur die Stadt, sondern die gesamte Region davon profitiert. Beispielsweise davon, dass wir unsere Studienangebote und unsere Forschungsprojekte konsequent auf die regionalen Bedarfe ausrichten können und in der Stadt sichtbar sind. Ich bin als Präsident in Koblenz präsent, für jeden ansprechbar, weil sich mein Büro hier befindet – nicht in Mainz wie früher. Wenn wir einen Studiengang planen, können wir ihn auf die Region abstimmen. Beispielsweise im Bereich Wasser: Koblenz liegt an zwei Flüssen, das Bundesamt für Gewässerkunde sitzt hier, die Hochschule Koblenz bringt ihre ingenieurwissenschaftliche Expertise im Wasserbau in den gemeinsamen Studiengang ein. Wir als Uni bringen die Fächer Ökologie und Wasserchemie ein. Das zusammen macht einen Studiengang aus, der perfekt zur Region passt. Ein weiteres Beispiel ist der Bereich Keramik. Das waren Dinge, die konnten wir früher nicht mit der gleichen Dynamik und Flexibilität aufbauen.
schauRhein: Die beiden Campus der Hochschule und der Uni liegen außerhalb des Stadtkerns. Viele sagen, Koblenz als Uni-Stadt sei gar nicht wirklich erlebbar. Haben Sie eine Idee, wie das verbessert werden könnte?
Stefan Wehner: Durch Programme wie „Wissenschaft trifft ...“, bringen wir Universitätsthemen in die Stadt hinein. Wir haben außerdem vor zwei Jahren zusammen mit der Hochschule eine Transferstrategie verabschiedet, die den Ansatz hat, mehr Austausch mit und für Stadt und Region zu bringen – nicht nur als reinen Technologietransfer, sondern auch als Wissenstransfer in die Bevölkerung ... und umgekehrt. Es ist nun leichter, sich auf die Region einzustellen und auf ihre Bedarfe einzugehen. Andererseits finde ich es gar nicht so schlimm, dass der Campus nicht mitten in der Stadt liegt – wir sind ja in Metternich noch immer von der Stadt umgeben. Für die Entwicklung der Uni wäre es teilweise sogar leichter, wenn wir mehr Fläche hätten. Wenn Sie sich Unis anschauen, die mitten in der Stadt liegen, ist die Konkurrenz zwischen Uniflächen und Flächen für Wohnbebauung erheblich größer. Wir haben immerhin noch ein bisschen Platz auf dem Campus, damit das Land darauf für uns bauen kann.
schauRhein: Inwiefern spiegelt sich die Eigenständigkeit auch in der Profilentwicklung wider?
Stefan Wehner: Wir haben vor drei Jahren einen Zukunftsprozess begonnen. Dabei haben wir uns sehr viel mit inhaltlichen Themen befasst. Wir sind eine Profiluni und in diesen Profilbereichen wollen wir uns weiterentwickeln. Das sind der Bereich „Bildung“, inklusive der Lehrkräftebildung, das Thema „Kultur und Vermittlung“, also die Geisteswissenschaften, dann „Material und Umwelt“, darunter fallen die Themen Keramik, Wasser und die Naturwissenschaften. Und dann bleibt natürlich noch „Informatik“ mit der (Health) Data Intelligence, was gerade hier für die Region eine sehr interessante Sache ist.
schauRhein: Die Ausbildung von Medizinern soll zukünftig in der Region eine größere Rolle spielen. Wie wird sich die Universität Koblenz bei diesem Thema einbringen können?
Stefan Wehner: Wir haben keine medizinische Fakultät, und das Land wird auch keine zweite medizinische Fakultät in Rheinland-Pfalz aufbauen. Insofern ist das kein direktes Thema für uns. Allerdings unterstützen wir beim Thema Medizin. Der Medizincampus ist ja eine Initiative des Bundeswehrzentralkrankenhauses (BWZK) mit den regionalen Kliniken und der Unimedizin in Mainz. Wir sind als Uni Koblenz nicht direkt dabei. Aber: Wir haben seit über 15 Jahren Kooperationen mit all diesen Klinken, und zwar in der Medizintechnik. Da geht’s um Biomechanik oder um Bildverarbeitung, das sind unsere Partner. Im Bereich Gesundheit sind wir vielfältig aktiv: Wir haben beispielsweise das Institut für Pflegewissenschaft und mit der Hochschule das gemeinsame Institut MTI Mittelrhein – Institut für Medizintechnik und Informationsverarbeitung. Diese Themen werden wir natürlich weiter vorantreiben. T.S.

